Bauerngarten

Geschichten aus dem Bauerngarten

von Henry Förster

Henry Förster: Aus meinem Schülertagebuch

Mein erster Ferienjob

Meinen ersten Ferienjob hatte ich in einem Sommer, Ende der sechziger Jahre, in der Jonsdorfer Gondelfahrt. Damals waren die Gesetze, betreffs der Ferienarbeit für Kinder unter vierzehn Jahren, noch nicht so, wie man sie heute kennt. So verdingte ich mir als zehnjähriger mit einem Stundenlohn von 1,30 Mark am Gondelteich in Jonsdorf mein erstes Taschengeld.

Wir waren zu zweit. Der Chef hieß Manfred. Er war ruhig und umgänglich, schrieb jeden Kahn auf der ablegte und notierte die Zeit peinlich genau.

Manfred ging schon in die achte Klasse und rauchte. Die Zigaretten hatte er in einer kleinen Blechschachtel versteckt. Immer wenn alle Kähne auf dem Teich gondelten und es einen Moment nichts zu tun gab, zündete er sich eine „Alte Juwel“ mit Filter an und genoss sie in kräftigen Zügen. Das war eben schon ein richtiger Mann, dachte ich, einer der raucht, das hatte mir imponiert und so wollte ich später auch mal sein.

Meine Aufgabe bestand darin, den Leuten beim Einsteigen in die Kähne zu helfen. Nach einer halben Stunde wies mich Manfred an, ein Schild mit der Nummer des Kahnes an das hölzerne Bootshaus zu hängen, um somit den Gondlern zu signalisieren, dass ihre halbe Stunde Fahrzeit abgelaufen sei und sie anlegen sollten. Dann war ich wieder gefragt, die Kette des angelegten Kahnes festzuhalten und beim Aussteigen zu helfen. Das funktionierte fast immer perfekt, bis auf einmal. Beim besten Willen gelang es mir nicht eine viel zu dicke Dame schadlos auf den Bootssteg zu bringen. Der Kahn geriet beim Aussteigen ins Wanken, die Dicke verlor den Halt und meine Kraft reichte nicht aus, um sie festzuhalten. Sie schrie und klatschte ins Wasser. Nun eilte, der sonst so ruhige und etwas träge Manfred aus dem Bootshaus, um die nasse und zu Tode erschrockene Urlauberin aus dem Gondelteich zu fischen und an Land zu hieven. Ihr Mann schnurrte mich an, dass ich hätte, besser aufpassen müssen, und dass sie hierher nie wieder zum Gondeln kämen. Er verschwand mit seiner unglücklichen Frau, der jede Menge Schminke über das Gesicht floss, so dass sich ihre Tränen schwarz färbten. Ich hätte im Boden versinken können, so peinlich war mir der Fall der dicken Frau. Der sonst so ruhige Manfred musste laut lachen und klopfte mir auf die Schulter: „Gut gemacht Kleener!“

Je nach Wassermenge an Regentagen und der Geschicklichkeit der Kahnfahrer musste ich mit einer leeren Blechbüchse das Wasser aus den Booten schöpfen, damit niemand nasse Füße bekam. Das gehörte ebenso zu meiner Arbeit, wie manchmal Urlauber über den Teich zu chauffieren, die sich selbst nicht zutrauten, zu rudern. Das machte besonders viel Spaß und brachte oft eine extra Mark ein. Einmal am Nachmittag kam auch Reinhard Schwerdtner, der Besitzer des Gondelteiches und der daneben befindlichen Eisdiele, um nach dem Rechten zu sehen. Er brachte immer einen Eisbecher mit. Meist gab es Vanille-, Schoko- und Erdbeereis. Manchmal war sogar Bananeneis dabei, für mich damals ein Highlight.

Mit prüfendem Blick kontrollierte er genau, ob tatsächlich auch jeder Kahn und der richtige Preis ordnungsgemäß eingetragen waren. Selten gab es eine Beanstandung. Die Nachmittage am Gondelteich waren keine schwere Arbeit. Täglich drei – vier Stunden, das machte Spaß.

Am Ende hielt ich 50,- Mark Lohn in meiner Hand und überlegte, was ich mir davon wohl kaufen könnte. Stolz zeigte ich am Abend das Geld meiner Mutter. Die lobte mich, wie tüchtig ich doch sei. Am nächsten Nachmittag liefen wir, mein Bruder, meine Mutter und ich zu Frau Hubalowsky ins Schuhgeschäft. Mutter meinte, dass wir unbedingt für das kommende Schuljahr neue Schuhe brauchten. Sie war alleinstehend mit uns beiden Jungs, die Haushaltskasse meist knapp und zwei Paar Schuhe auf einmal nicht gerade billig. Also steuerte ich meine 50,-Mark zum Schuhkauf bei. Anfangs zierte sich meine Mutter, letztendlich floss mein Verdienst in die Geldkassette des Schuhgeschäftes.

Obwohl ich mein erstes selbstverdientes Geld nicht lange hatte und ich mir irgendetwas anderes viel lieber gekauft hätte, war ich ein bisschen stolz und ich glaube, Mutter dankbar.